Donnerstag, 3. Mai 2012

Warum Maerkte nicht funktionieren. Teil 1

Ich versuche hier mal zu erklaeren, warum Maerkte nicht so funktionieren, wie Oekonomen uns glauben machen wollen. Und warum sie in keinem Fall funktionierende Regelungen im techn. Sinne darstellen. Aber vielmehr ein abenteuerlicher Aberglaube der Oekonomen an "magische Haende" besteht, der abstruser nicht sein koennte. Ich komme dabei um technische Begriffe nicht herum, aber ich werde mich bemuehen, diese mit einfachen Worten zu erklaeren.

Die Grundlage der Mainstream Oekonomie ist der funktionierende Markt, der Angebot und Nachfrage ueber den Preis zum Ausgleich bringt. In jeder Grundlagenvorlesung der VWL und der BWL taucht diese Grundannahme auf und wird wie folgt erklaert.
Steigt die Nachfrage ueber das aktuelle Angebot wird das Gut knapp und der Preis steigt. Der steigende Preis bewirkt auf der Angebotsseite einen erhoehten Anreiz zur Angebotsauszuweitung und auf der Nachfrageseite eine Nachfragedaempfung. Das Prinzip des sich selbst stabilisierenden Regelkreises. Allerdings ist zu beachten, dass dieser Konstrukt zwei Rueckkopplungspfade hat. Einen ueber die Angebotsstimulierung und einen ueber die Nachfragedaempfung bei steigenden Preisen, bzw. Angebotsdaempfung und Nachfragestimulierung bei sinkenden Preisen.


Der regelungstechnische Konstrukt sieht also, so aus. Das heisst, von links nach rechts gelesen.
Es wird die Differenz zwischen Angebot und Nachfrage gebildet und in den Preisbildungsprozess uebergeben. Dieser bestimmt nach einer Funktion P=f(A-N,t) den Preis P derart, dass bei positiver Differenz, also einem Angebotsueberhang, der Preis sinkt und bei einer negativen Differenz, also einer Angebotsknappheit, der Preis steigt. Dieser Preis wird nun oben dem Angebotsprozess zugefuehrt und unten dem Nachfrageprozess. Der Angebotsprozess ist durch die Funktion A=f(P,t) beschrieben, die das Angebot bei steigenden Preisen steigen laesst und bei fallenden Preisen sinken laesst. Die Nachfrage ist durch die Funktion N=f(P,t) beschrieben, die bei steigenden Preisen die Nachfrage sinken laesst und bei fallenden Preisen die Nachrage steigen laesst. Soweit so gut.
Das ganze funktioniert in einer statischen Betrachtung einwandfrei. Allerdings ist die Welt nicht statisch, sondern dynamisch. D.h. Zeit spielt eine Rolle. Das heisst., der Preisbildungsprozess ist realistischerweise nicht unendlich schnell, sondern die Anpassung des Preises beim Auftreten einer Differenz zwischen Angebot und Nachfrage benoetigt endliche Zeit. Im von mir simulierten Modell geschieht dies durch einen einfachen PT1 Regler (Verzoegerungsglied erster Ordnung). Die Auswirkung dieser realistischen, nicht unendlich schnellen, Preisanpassung erkennt man in dieser Simulation. Die rote Linie beschreibt eine ploetzlich auftretende Stoerung am Markt, die dem Markt Ware entzieht. Wenn die rote Linie auf der Nulline verweilt wird keine Ware entzogen, wenn sie nach unten springt, wird dem Markt fuer die Zeit des Verweilens auf diesem Level zusaetzliche Ware entzogen. Z.B. durch eine Leckage im Golf von Mexico. Man sieht nun, dass der Preis (gruen) sich mit einer eFunktion erhoeht und die Nachfrage entsprechend sinkt. Wuerde die Stoerung unendlichlange anhalten, dann wuerden Preis und Nachfrage nach einer gewissen Zeit ein neues stabiles Niveau erreichen, naemlich genau dann, wenn Angebot und Nachfrage wieder deckungsgleich sind.
Im dargestellten Beispiel verschwindet die Stoerung aber nach kurzer Zeit und Preis und Nachfrage beginnen sich wieder in ihre Ausgangslage zurueck zu entwickeln. Doch dann kommt die naechste Stoerung, diesesmal eine Leckage in der Nordsee, bevor das alte Preisniveau erreicht werden konnte und es kommt wieder zu einem Preisanstieg. Nun wird auch die Nordseeleckage behoben und das Oel fliesst wieder, wie zu Anfang. Der Preis bildet sich langsam zuruck und konvergiert auf das Ausgangsniveau zu. Wunderbar! Es braucht also etwas Zeit, um den Preisanpassungsprozess zu durchlaufen aber die Sache ist stabil und in keinerweise dramatisch.
Nun ist es aber so, dass in dieser Betrachtung eine Preisaenderung genauso schnell zu einer Angebotsaenderung fuehrt, wie zu einer Nachfrageaenderung. D.h. der obere Rueckopplungspfad arbeitet exakt genau so schnell wie der untere. Das ist leider auch nicht realistisch, denn eine Angebotsausweitung (= Kapazitateserhoehung = Bau von neuen Oelplattformen und Raffinerien) auf Grund steigender Preise benoetigt in aller Regel mehr Zeit als eine Nachfragereduzierung (=das Auto oefter mal in der Garage lassen) aus diesem Grund. Daher habe ich in einem naechsten Schritt in die Simulation eine Verzoegerung erster Ordnung in den Angebotspfad eingebaut. Das Ergebniss sieht so aus. Man sieht, die Sache wird instabil und bei Stoerungen werden Schwingungen angeregt. Allerdings klingen diese Schwingungen wieder ab, wenn man dem System nur lange genug Zeit laesst, ohne Stoerungen in die Ausgangslage zurueck zu kehren. Ob dieses Abklingen der Oszillation wirklich eintritt, haengt stark vom Design der Regelstrecke und der Reuckfuehrungen ab. Es ist bei ungeschickter Wahl der Parameter durchaus moeglich, eine anschwellende Oszillation zu erzeugen. Aber wer kennt sich in der Oekonomie schon so gut mit den Verfahren der Regelungstechnik aus, um soetwas zu beruecksichtigen oder gar gezielt zu vermeiden. Vielmehr gilt gerade in der Finanzwelt die "reine" Lehre, also keine Regulierung von staatlicher Seite, die daempfend auf dieses Gebilde einwirken koennte. Denn Staat ist pfui!
Nun habe ich noch ein paar Simulationen hier angehaengt, die zeigen sollen was passiert, wenn das Gebilde unsymmetrisch wird, man also der Angebotsseite mehr Durchgriff erlaubt als der Nachfrageseite. Siehe hier (1), (2) und (3).
1 ist wieder die abklingende Schwingung, interessant ist aber das stark veraenderte Verhalten bei Stoerungen, 2 stabiler Oszillator, wenn da nicht die Stoerungen waeren, und 3 die sich aufschaukelnde, eskalierende Oszillation.

So viel zu den regelungstechnischen Grundlagen und ihrem Verstaendnis bei Oekonomen, wenn sie von einem Markt reden, der mit "magischen Haenden" alles wie von selber regelt.

Damit aber noch nicht genug. Denn bisher haben wir nur Faelle betrachtet, bei denen das Vorzeichen der ersten Ableitung der Uebertragungsfunktionen Kennlinie der im Regelkreis angeordneten Elemente konstant ist. Eine Bedingung die erfuellt sein muss, damit man ueberhaupt eine Chance hat, durch entsprechenden Design Stabilitaet herstellen zu koennen.
Aber ist diese Annahme wirklich realistisch? Sinkt die Nachfrage immer, wenn die Preise steigen? Nein das tut sie nicht! Denn der wirtschaftlich taetige Mensch ist ein seltsames Wesen, aber auf keinen Fall nur rational (mit monotoner Kennlinie), wie der homo oeconomicus suggeriert. Manchmal glaubt er, wenn die Preise steigen, dass es fuer ihn gut sei, darauf zu wetten, dass sie noch weiter steigen und er kauft mehr und mehr in spekulativer Absicht, in der Hoffnung morgen, naechst Woche oder in einem Jahr beim Verkauf einen noch hoeheren Preis erzielen zu koennen. D.h. die Preisbildungsfunktion ist nicht, wie angenommen zeitinvariant, sondern ist einem Kippbildmechanismus ausgesetzt, der Menschen dazu fuehrt, in einem Hype zunaechst Unsummen fuer Tulpenzwiebeln auszugeben, nur um sie dann in Panik zu einem deutlich tieferen Preis wieder zu verschleudern. D.h. aus einer medial befeuerten spekulativen Laune heraus entstehen aus Gegenkopplungen von heute auf morgen Mitkopplungen und umgekehrt. Soetwas habe ich nun nicht simuliert. Aber nach den obigen Bildern und Erklaerungen ist hoffentlich klar, was das bedeutet. Und auch wenn es sich nicht um Kippbild getriggertes Hype / Panik, Boom /Bust Verhalten handelt, ist es durchaus denkbar, dass die Uebertragungsfunktion Kennlinie eines der in diesem Regelkreis angeordneten Elemente die Forderung nicht erfuellt und ein wechselndes Vorzeichen seiner ersten Ableitung einbringt. Das ist z.B. dann der Fall, wenn Kapazitaetsausweitungen auf der Angebotsseite erhebliche Investitionen erfordern und das Angebot in der Hand eines Monopolisten oder eines Oligopols liegt, das diese Kosten ueberwaelzen kann. Denn dann sieht die Sache so aus.

Auch das fuehrt zu Instabilitaet und zu sich moeglicherweise chaotisch aufschaukelnden Preisen, da die Loesung des zugrundeliegenden Gleichungssystems nicht mehr eindeutig bestimmbar ist. Die Nichtlinearitaet der Angebotsfunktion hat naemlich zur Folge, dass in diesem Beispiel drei Schnittpunkte der blauen Linie mit der roten existieren. Ein System, das durch Stoerungen soweit ausgelenkt wird, das es aus einem stabilen Schnittpunkt/Gleichgewicht hinaus gestossen wird, macht dann alles moegliche, aber keinen geregelten Ausgleich von Angebot und Nachfrage!
Die Oekonomie pflegt einen seltsamen Umgang mit diesen Sachverhalten, der auf Leugnung hinaus laeuft. Denn sie wissen es! Es arbeiten ja unendlich viele Mathematiker und Physiker in den Diensten der Finanz- und Versicherungsbranche. Und die Ueberlegungen, die ich hier anstelle, sind nicht so exotisch, wie Kollegen sicher bestaetigen werden, dass nur ich auf solche Sachen komme. Fuer mich ist das ein weiteres Indiz dafuer, das wir veralbert werden, wenn wir nur den Wirtschaftsteil der Zeitung aufschlagen. Das ist alles ein abstruser Voodoo ohne Tragfaehigkeit.
Ich habe vor Jahren mal, ausgehend von einer Idee  wie ein Freund sie mal fomuliert hatte, gedacht, Wirtschaft als System muss man eigentlich auf einem Blatt DIN A4 sauber beschreiben koennen. Nun, ich bin dabei darauf gestossen, dass die Grundlagen der Oekonomie keinen Pfifferling wert sind. Wenn man diese Sache zu Ende denkt und konsequent durchzieht, kommt man zu einer Systembeschreibung die ein nichtlineares dynamisches System, also ein chaosfaehiges System beschreibt. Der Faktor Mensch in einer solchen technischen Beschreibung ist aber nicht wirklich gut zu fassen, denn wie will man Kippbilder erzeugende Neuronen darstellen und simulieren? Wie erfasst man, das auf das objektiv gleiche Ereigniss, von Menschen, vollkommen unvorhersehbar, vollkommen gegensaetzlich reagiert wird? Die gleiche Sammlung von Bildpunkten ist einmal eine entzueckende junge Frau und im naechsten Momnet eine alte Hexe mit Pickeln auf der Nase. Der Superstar von gestern ist morgen der Buhmann der Nation. Die Supertechnologie, die alle Energieprobleme loest, wird von heute auf morgen zum Desaster. Statische Modelle, aber auch dynamische Modelle, die Linearitaet und Zeitinvarianz des Systemverhaltens zur Grundannahme haben, erscheinen nicht geeignet, solche Verhaltensweisen der "Regelkreiskomponenten" (Angebot,Nachfrage,Preisbildung) realitaetsnah zu beschreiben.

Darauf zu bestehen, Wirtschaft als ein gleichgewichtsnahes System zu betrachten, welches tendenziell den Ausgleich von Angebot und Nachfrage ueber eine funktionierende Regelung in Form von Maerkten herstellt, ist daher, gelinde gesagt, kein haltbarer Standpunkt sondern fuehrt in der Konsequenz  Menschen zu  wirtschaftlichen Sicht- und Verhaltensweisen , die im grossen Stil falsch sein muessen. Ich hoffe, das ist klar geworden.

Sapere Aude!

Georg Trappe

Wer sich fuer die verheerenden Folgen, die aus dieser falschen Sicht entstehen, interessiert  kann dies hier nachlesen.

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