Samstag, 9. Juni 2012

Warum Maerkte nicht funktionieren (Fazit)

Ich habe vor einem Jahr versucht, in einer kleinen Serie von Artikeln ( 1 , 2 , 3 ) darauf aufmerksam zu machen, dass Maerkte nicht so funktionieren (koennen), wie die sog. Wirtschaftswissenschaften es uns glauben machen wollen. Angesichts der Diskussion Krugman vs. Keen komme ich zu dem Schluss, dass weite Kreise der sog. Wirtschaftswissenschaftler, bis hin zu Nobelpreistraegern, nicht verstehen koennen oder nicht verstehen wollen, dass der in den Grundlagenvorlesungen der Wirtschaftswissenschaften vermittelte Zusammenhang zwischen Angebot, Nachfrage und Preisen die Realitaet nicht zutreffend beschreibt. Das ist in einer Zeit, in der die Weltwirtschaft an den Folgen des Marktfundamentalismus zusammenzubrechen droht, natuerlich mehr als peinlich. Aber es hilft nicht auf verletzte Eitelkeiten und Egos Ruecksicht zu nehem, dafuer steht viel zu viel auf dem Spiel. Daher hier nocheinmal fuer diejenigen, die  moeglicherweise durch die in den oben genannten Artikeln zur Anwendung gebrachten Mathematik ueberfordert sind ein letzter Versuch, der, sollte er nicht fruchten, nur das Fazit zulaesst, dass es nicht am Verstehen liegt sondern am Wollen.
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Der Konstrukt Markt zielt auf Marktraeumung. Das Ziel ist also die Differenz Angebot minus Nachfrage zu Null zu bringen. Und dies mit Hilfe der sich automatisch einstellenden Stellgroesse Preis. Gleichzeitig verfolgen die Anbieter das Ziel der Gewinnmaximierung.
Wenn Menschen hungern und ihre Nachfrage nach Lebensmitteln nicht befriedigt wird, dann aendert sich diese Nachfrage nicht, wenn die Preise fuer Lebensmittel steigen. Auch dann nicht, wenn sie dies Dank "magischer Haende" automtisch tun.
Wenn Banken ihren Zusammenbruch befuerchten, weil Einlagen/Passiva im grossen Stil abgezogen werden (siehe Target2 Salden) und /oder ihre bisher als risikolos geltende Forderungen/Aktiva (z.B. Staatsanleihen) per Ratingagenturen und "Maerkten" massiv ins Gerede kommen, dann waechst ihre Nachfrage nach verlaesslichen Einlagen/ Passiva sehr schnell ins Unermessliche. Die Beschaffung von Eigenkapital durch Kapitalerhoehung mittels neuer Aktien kann dies in einer solchen Situation nicht leisten, da kaum einer neue Aktien einer Bank kaufen wird, die ihren Zusammenbruch befuerchtet und diese keinen Prospektbetrug auflegen will. Das einzige was bleibt ist das Angebot der Notenbank. Wenn diese in sog. Tendern den Preis=Zins und die Menge des zur Verfuegung gestellten Geldes gleichzeitig festlegt, dann ist das eine Zuteilung die den Bedarf nicht unbedingt decken muss und der Preis=Zins steigt weiter. Die Notenbank verliert die Kontrolle ueber den Zins. Erst eine Massnahme, wie Draghi sie mit den beiden LTRO's aufgelegt hat, hat die Chance den Hunger der Banken nach Geld zu stillen, da da nur der Preis festgesetzt wurde und die Menge von den Nachfragern frei bestimmt werden konnte.
Da sowohl die Zahlung des Preises als auch die Rueckzahlung in der Zukunft liegt, ist das eine  mit Risiken behaftete Sache. 
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Das Ziel des Konstrukts Markt = Marktraeumung, hat also nichts! mit Wohlstand zu tun. Schon garnicht mit Wohlstand fuer Alle. Weder im Fall der hungernden Menschen, von denen aktuell taeglich 26000 zu Tode kommen, noch im Fall von Banken, denen die Wohlhabenden das Vertrauen und damit das Geld zum Ausgleich von uneinbringlich gewordenen Forderungen entziehen. Pikant dabei ist, dass diese zuvor als risikolos geltenden nun aber uneinbringlich gewordenen Forderungen gegenueber Staaten durch die Wohlhabenden selbst massiv diskreditiert wurden, indem sie per neoliberaler Wirtschaftspolitik oder dreister Steuerflucht die Staaten von ausreichenden Steuereinnahmen zur Bedienung der Zinsen abgeschnitten haben. In einer Wirtschaft, in der angebotsorientierte Politik betrieben wird und die dadurch staendig fortschreitenden Konzentrationsprozesse aka Fettaugensyndrom ignoriert werden, verkommen "Maerkte" zu Arenen, in denen ausschlieslich das Recht des Staerkeren gilt.
Es sind also ganz klar die 1%, die mit ihrem unverantwortlichen Verhalten via Banken die Zentralbanken, die Staaten und die 99% zwingen die Folgen ihres Exzesses zu tragen. Sog. Wirtschaftswissenschaftler, die dies mit nebuloesen Theorien verdecken wollen, sind wie alle sog. Rettungspolitiker, die dem gleichen Ziel dienen, als korrupte Machtdienstleister dieser 1% entlarvt.

Sapere Aude!

Georg Trappe

Warum Maerkte nicht funktionieren. Teil 3

Obwohl ich im Teil 2 angekuendigt hatte im dritten Teil dieser Reihe den Zusammenhang zwischen einer Hierachie der Maerkte (in Form kaskadierter Regelsschleifen) und einem generalisierten Raeuber-Beute Modell, das pareto- bzw. log-normalverteilte Vermoegensverhaeltnisse erzeugt, herzustellen, moechte ich dies zunaechst zurueck stellen und dem Thema Nichtlinearitaet und seiner Bedeutung fuer die potentielle "Dysfunktionalitaet" von Maerkten etwas mehr Raum geben.

Warum Maerkte nicht funktionieren (Ergaenzung zu Teil 1)

Ergaenzend zu meinem ersten Aufsatz moechte ich ein geaendertes Blockschaltbild nachreichen, in dem der Preisbildungsprozess durch ein I-Glied (Integrierer) anstelle des PT1 Glieds modelliert wird (was als realistischer angesehen wird) und der Nachfrageprozess durch ein verzoegerungsfreies P-Glied. 

Modifiziertes generisches Marktmodell

Letzteres erlaubt dann auch einen einfachen Austausch des proportionalen, unverzoegert Zusammenhangs mit einem komplizierteren funktionalem Zusammenhang zwischen Preis und Nachfrage. Die systembeschreibenden Gleichungen sehen dann wie folgt aus:

Eine LTspice Netlist findet sich hier

Warum Maerkte nicht funktionieren. Teil 2

Meine Kritik beruht im wesentlichen auf zwei Punkten, die meine regelungstechnische Analyse des gaengigen “Marktmodells” heraus gearbeitet hat.

1.) Eine Regelung die versucht mit einem Regler (=Preis(bildungsprozess)) gleichzeitig zwei Regelstrecken (Angebot und Nachfrage) so zu regeln, das diese immer ausgeglichen und in einem Gleichgewicht sind kann nicht funktionieren, wenn sich die Regelstrecken in ihrem dynamischen Verhalten und anderen wichtigen Parametern stark von einander unterscheiden.

2.) Eine Regelung die versucht mit einem Regler(=Preis(bildungsprozess)) eine Regelstrecke zu regeln, die in ihrer Uebertragungsfunktion ein wechselndes Vorzeichen der ersten Ableitung der Uebertragungsfunktion hat oder sogar ein zeitvariantes Vorzeichen der ersten Ableitung der Uebertragungsfunktion hat, kann nicht funktionieren.

Ich denke, das haben die Insider auch erkannt. Die Loesung fuer 1.) heisst naemlich eine Regelstrecke aus dem Regelkreis heraus zu nehmen und ihr ein Primat = Macht zu geben, waehrend die andere Regelstrecke im Regelkreis verbleibt und so dann funktionieren kann.
Die Frage ist nun, welche Regelstrecke erhaelt das Primat = die Macht zur Dominanz des Systems. In den Wirtschaftswissenschaften heisst das dann angebotsorientierte oder nachfrageorientierte Wirtschaftspolitik. Die neoklassische Wahl faellt auf die angebotsorientierte Wirtschaftspolitik und gipfelt im Sayschen Theorem, was da besagt, dass sich jedes Angebot seine Nachfrage selber schafft. Wuerde man das in der Konsequenz durch fuehren, das in den Angebotsprozess anstatt des Preises ein Plan einfliesst (z.B.ein drei Jahresplan), dann haetten wir den Zustand einer Planwirtschaft,
mit all seinen bekannten Folgen.

Der Unterschied besteht nun darin, das zum einen der Angebotsprozess idealerweise aus vielen paralell geschalteten Anbietern besteht, die in Konkurrenz zueinander stehen, sowie der Nachfrageprozess aus vielen Nachfragern besteht, die auch in Konkurrenz zueinander stehen. Die Eingangsgroesse, die diese Angebotsprozesse steuert ist aber nicht der Preis, sondern die Renditerwartung. Angebote, die erzeugt werden ohne diese minimale Renditeerwartung (Zins) erfuellen zu koennen verschwinden, weil es angeblich risikolos =”besser” waere das Kapital auf die Bank zu bringen, anstatt es in eine Unternehmung zu stecken, die weniger Gewinn abwirft als ein Bankkonto und noch risikoreicher als ein solches ist. Faktisch wird dann, wenn das Kapital auf dem Bankkonto landet, die Allokationsentscheidung in die Haende der allmaechtigen Banken gelegt.

Es entsteht also ein Kapitalmarkt der die gleiche Struktur hat, wie der bisher betrachtete generische Markt. Allerdings mit dem Unterschied, das seine Stellgroesse nicht der Preis ist, sondern der Zins oder die daraus abgeleitete Mindestrenditeerwartung, die auch zur Steuerung des Warenangebotsprozesses dient.

Der Kapitalmarkt hat nun das gleiche Problem, wie unser urspruenglich betrachteter generischer Markt. Der Zins regelt die Kapitalnachfrage der Waren- und Dienstleistungsangebot erzeugenden Unternehmungen und die Kapitalnachfrage, allerdings mit dem Unterschied, das auf diesem Level der “staatliche” Eingriff, das Primat in Form von Zinsfestsetzungen durch die "politik unabhaengige" Notenbank erlaubt wird. Also eine Steuerung und keine Regelung stattfindet, obwohl die Eingreifenden, also die Notenbanker nicht vollkommen frei von Rueckkopplungen und Einfluessen sind, die auf sie einwirken, wenn sie die Zinsen fest setzen.
Die Fuehrungsgroesse der EZB z.B. ist der Geldwert bzw. die Inflation der Preise eines bestimmten Warenkorbs. Die US FED versucht gleichzeitig zwei Fuehrungsgroessen gerecht zu werden, was regelungstechnisch ein Unding ist, naemlich dem Geldwert bzw. dem Inflationsziel, als auch der Beschaeftigung.
Wenn man diesen Gesamtkonstrukt mathematisch abbildet, kommt man zu einem mindestens dreistufigen Lotka Volterra Raeuber Beute System, bestehend aus Konsumenten, Waren- u. Dienstleistungsanbietern und Kapitalisten. Wenn man es aber auf die Spitze treibt und die Schichtungen innerhalb der drei Spezies auch noch abbildet, dann kommt man zu einem sog. Generalized Lotka Volterra System mit N Spezies. Interessanterweise stellen sich bei einer numerischen Simulation eines solchen N-Spezies Systems relativ unabhaengig von der Parametrisierung pareto-, zipfverteilte Vermoegens- und Einkommensverhaeltnisse ein. Ich habe nach dieser “Entdeckung” versucht herauszufinden, ob noch andere zu aehnlichen oder gleichen Schluessen gekommen sind. Bisher habe ich nur Peter Richmond und Sorin Solomon gefunden, die diese Beobachtung ebenfalls gemacht und in verschiedenen Papern beschrieben haben. Allerdings scheinen sie nur von der (inuitiven?) These, dass ein Lotka Volterra System eine zutreffendes Modell sein koennte, ausgegangen zu sein. Denn die Herleitung ueber das “falsche Marktmodell” hin zu dieser Betrachtung scheint neu bzw. ihnen nicht gelaeufig zu sein.

Bemerkenswert ist weiterhin, das wissenschaftliche Untersuchungen ueber die Ursachen der pareto-, zipfverteilten Vermogens- und Einkommensverhaelnisse aeusserst rar gesaet sind. Es gibt zwar jede Menge empirische Untersuchungen, die diese Zustaende immer wieder neu bestaetigen, aber eine tiefergehende Ursachenanalyse mit belastbaren Ergebnissen ist kaum, wenn ueberhaupt zu finden.

Sehr merkwuerdig, wie ich finde!

Die Rueckschluesse auf die Wirksamkeit eines politischen Primats, wie es immer wieder diskutiert wird, sind dramatisch, wenn dieses GLV Modell tatsaechlich eine einigermassen realitaetsnahe Beschreibung darstellen sollte. Doch dazu spaeter mehr.

Sapere Aude!

Georg Trappe

Donnerstag, 3. Mai 2012

Warum Maerkte nicht funktionieren. Teil 1

Ich versuche hier mal zu erklaeren, warum Maerkte nicht so funktionieren, wie Oekonomen uns glauben machen wollen. Und warum sie in keinem Fall funktionierende Regelungen im techn. Sinne darstellen. Aber vielmehr ein abenteuerlicher Aberglaube der Oekonomen an "magische Haende" besteht, der abstruser nicht sein koennte. Ich komme dabei um technische Begriffe nicht herum, aber ich werde mich bemuehen, diese mit einfachen Worten zu erklaeren.

Die Grundlage der Mainstream Oekonomie ist der funktionierende Markt, der Angebot und Nachfrage ueber den Preis zum Ausgleich bringt. In jeder Grundlagenvorlesung der VWL und der BWL taucht diese Grundannahme auf und wird wie folgt erklaert.
Steigt die Nachfrage ueber das aktuelle Angebot wird das Gut knapp und der Preis steigt. Der steigende Preis bewirkt auf der Angebotsseite einen erhoehten Anreiz zur Angebotsauszuweitung und auf der Nachfrageseite eine Nachfragedaempfung. Das Prinzip des sich selbst stabilisierenden Regelkreises. Allerdings ist zu beachten, dass dieser Konstrukt zwei Rueckkopplungspfade hat. Einen ueber die Angebotsstimulierung und einen ueber die Nachfragedaempfung bei steigenden Preisen, bzw. Angebotsdaempfung und Nachfragestimulierung bei sinkenden Preisen.